![]() |
|||||||||||||
| ENGLISH | |||||||||||||
Die Entstehung der Bildwirkereien von Harrania1952 begann der Bildhauer und Professor für Architektur an der Hochschule Kairo Ramses Wissa Wassef ein Experiment. Geleitet von der Annahme, daß jedem Kind naturgemäß ein Potential an Kreativ- und Bildekraft innewohnt, welches von Unterrichtssystemen, die nur eine intellektuellen Wissensanhäufung vermitteln, die Zwänge der Konsumgesellschaft und den Massenkommunikationsmitteln dann bis zum Erwachsenenalter stetig weiter verschüttet wird, beschloß er Kinder sehr frühzeitig zum Weben anzuregen. Er gründete eine Wohn- und Werkstattsiedlung in Harrania in der Kinder mit dem 5. Lebensjahr aufgenommen wurden und ohne Entwurf oder Vorlage zu weben begannen. Sein Ziel war es Kunst, Erziehung, soziales Leben, Kunsthandwerk und den täglichen Lebensunterhalt in einem Akt zu vereinen. Bei der Arbeit verfolgte er drei wichtige Grundsätze: 1. keine Vorlagen, Zeichnungen, Entwürfe zu verwenden, 2. keine vorgeformten ästhetischen Einflüsse von außen einwirken zu lassen 3. keine Einmischung (Kritik) von Erwachsenen zu dulden. 1979 neun Jahre nach seinem Tode wurden die Werke der ersten Generation im Hildesheimer Roemer-Paelizaeus- Museum erstmals in Deutschland vorgestellt. Das Projekt wurde von seiner Frau und seinen Töchtern weitergeführt, die Schwerpunkte der künstlerischen Arbeit verlagerten sich auf die Töpferei und Baumwollweberei. |
|||||||||||||
Die Webschule El AwadlyDie pädagogischen GrundlagenMit dem Ziel das geistige Erbe Wissa Wassefs zu bewahren, und weiter zu entwickeln, gründete der Ingenieur Fouad Al Awadly zusammen mit seiner deutschen Ehefrau 1976 eine Webwerktatt in Harrania. Zunächst wurde die Arbeit Die Kinder beginnen mit dem Weben im Alter von neun bis zehn Jahren. Sie besuchen die Schule und leben weiterhin in ihrer Familie, in der sie ihre Pflichten wahrnehmen, z. B. beim Brotbacken, Vieh hüten oder der Aufsicht der kleineren Geschwister. In ihrer freien Zeit, insbesondere in den großen Ferien, die in Ägypten 4 Monate dauern, kommen sie in die Werkstatt. Ohne Zeichnung, Vorlage oder Einfluß eines Erwachsenen beginnen sie zu weben. Von Beginn an wählen sie selbst die Farben aus mit denen sie weben wollen und so entstehen die ersten kleinen Stücke zunächst noch ohne bildliche Darstellung. Bald jedoch werden die Kinder sicherer und versuchen es mit einem kleinen Vogel, einem Blatt mit Pflanzen und Blumen. Das Leben der Kinder ist noch sehr naturverbunden. In jedem Haushalt gibt es Ziegen und Hühner, manchmal einen Wasserbüffel und Esel. Das Dorf liegt an einem Kanal wo sich ungestört Gänse und Enten tummeln. Diese bäuerliche Umwelt, das Dorfleben mit seinen Gebräuchen und Festen, gemeinsame Ausfl¨ge in den Zoo und in die Felder sind die Motive, die verarbeitet werden und in den Teppichen zum Ausdruck kommen. Die jungen Künstler haben noch nie Kunstwerke gesehen; sie schöpfen ihre Bilder aus der ständigen Berührung mit der Natur, aus sich selbst und aus ihrer Umgebung. Durch den Verzicht auf einen Entwurf kann jetzt die gesamte Kraft in das Wirken geleitet werden. Der Arbeitsvorgang erfordert nicht nur mehr Geduld und Konzentration, sondern ist auch in seiner Ausführung anders geartet als die Zeichnung und das Gemälde. Das Gewirke wächst von unten nach oben (manchmal in einer Drehung von 90° ) unwiderruflich hoch; die Zeichnung oder das Gemälde wachsen von allen Seiten zusammen. Birgt die Zeichnung für das Kind die Gefahr der Flüchtigkeit, so erfordert die Wirkerei ein längeres Verweilen bei dem Gewollten, eine größere Anstrengung der Bildkraft bei der Gestaltung. Nach zehn bis zwölf-jähriger Arbeit hat dann vielfach das Handwerk das Kunsthandwerk überschritten und ist zur unmittelbar wirkenden Kunst geworden. Aus den naiven Darstellungen wurden im Laufe der Jahre meisterhaft rhythmische Kompositionen mit verfeinerter Zeichnung und reichen Motiven, unglaublicher Farbdifferenzierung und ausgereiften Details. Jeder einzelne Künstler entwickelt seine persönliche ausdrucksstarke Bildsprache. Die Technik des Wirkens und des FärbensDie Technik des Wirkens wird bestimmt durch die Verwendung von senkrecht stehenden Hautelisse -Webstühlen, bei denen auf hochstehender Kette aus Flachs oder Baumwolle gearbeitet wird. Finger und Klopfeisen sind die einzigen Handwerksmittel. Im Gegensatz zur Weberei, wo der Schlußfaden durch die ganze Breite der Arbeit gezogen wird, folgen sie in der Wirkerei den Forderungen des Motivs und werden durch dieses, je nach Notwendigkeit unterbrochen. Es wird mosaikartig gearbeitet. Angeschlagen wird mit den Fingern oder einem Messer. Je fester der Anschlag, desto dichter und kostbarer wird des Gewirke. Für einen Quadratmeter benötigt ein erwachsener Weber mindestens 6 - 8 Wochen, Jugendliche mindestens 3 -4 Monate. Verwendet wird einheimische Wolle, die ausschließlich mit Pflanzenfarben gefärbt wird. Krapp und Reseda wachsen im Garten der Werkstatt; das seltene Indigo wird aus Deutschland importiert. Frau Al Awadly hat sich insbesondere die Erforschung der Färbetechniken mit Pflanzenfarben und deren Fixierung zur Aufgabe gemacht. Alle Pflanzenfarben sind Kompositionen. Wir haben es bei einer Pflanze nie nur mit einem Farbstoff zu tun; immer ist es eine Mischung mehrerer Farben. Auch wenn bei jeder Pflanze ein bestimmter Farbstoff vorherrscht, z.B. bei der Krappwurzel rot, so spielen doch jeweils in bescheidenen Mengen noch andere Tönungen mit hinein. Blau wird mit Indigo gefärbt, gelb mit Reseda, Rot mit Krapp und Cochenille, Beige und Brauntöne mit Henna und Kampferblättern, Mischfarben entstehen durch Überfärbungen. Die Wolle wird während des Färbeprozesses mit Eulan mottengerecht ausgerüstet. Die sozialen GrundsätzeWer in die Werkstatt aufgenommen wird, muß nicht befürchten wieder entlassen zu werden, gleichgültig wie lange es dauert seine Fähigkeiten zu entwickeln und wie stark seine Begabung ist. Jeder Jugendliche wird von Anfang an für seine Arbeit bezahlt. Auch wenn diese ersten Versuche unvollkommen und unverkäuflich sind, so ist es doch das Beste was der Jugendliche zu leisten vermag. Diese Leistung zu entlohnen bedeutet, daß seine Arbeit nicht wertlos ist und ist nebenbei eine notwendige Hilfe für die Großamilien. Für die oft monatelange Arbeit an einem Teppich wird zweimal im Monat Vorschuß ausbezahlt, damit ein geregeltes Einkommen gesichert ist. Mit 18 Jahren werden alle Weber in die Sozial und Krankenversicherung aufgenommen. Wenn sie Sorgen oder Probleme haben, wird versucht ihnen so gut wie möglich zu helfen; sei es mit einem Zuschuß zum Hausbau, zur Aussteuer der Tochter oder für eine Operation. Besonderes Gewicht wird darauf gelegt Mädchen und Frauen zu fördern. Das Projekt versucht, die soziale Lebensform des Dorfes so wenig wie möglich zu stören. Durch die freie Zeiteinteilung kann jeder seinen häuslichen Pflichten nachkommen. Mütter bringen ihre Babys mit und die kleinen Geschwister spielen fröhlich im Garten. Es ist gelungen eine frohe Atmosphäre zu schaffen, die man an den Gesichtern der Kinder und Erwachsenen ablesen kann und an den Ergebnissen der Arbeit sieht. Der Jugendliche begreift von Anfang an, daß es einen für die Gegenwart wie auch für die Zukunft ernsten Beruf erlernt. |
|||||||||||||
![]() |
|||||||||||||
![]() |
|||||||||||||
![]() |
|||||||||||||
![]() |
|||||||||||||
![]() |
|||||||||||||
![]() |
|||||||||||||
![]() |
|||||||||||||